S Pink Premium Pointer Bio-Tagebuch (nur 3% Fantasie): Das Wohnheim mit der Maus
People used to remind me that "not everything's either black or white", but that doesn't mean they don't exist.
Because, where is all that grey coming from?

Donnerstag, 2. April 2015

Das Wohnheim mit der Maus

Ich glaube, es wird mal Zeit, dass ich euch ein wenig über das Wohnheim erzähle, in dem ich untergekommen bin.

Es handelt sich um ein Haus der Emmaus-Gemeinschaft - ein von Charlie Rottenschlager vor 32 Jahren ins Leben gerufenes Projekt. Ihm missfiel es, dass so vielen Ex-Häftlingen in der Gesellschaft keine Chance gelassen wurde. Sie hatten wegen ihrer Vorgeschichte von Grund auf Schwierigkeiten Arbeit zu finden, konnten sich dementsprechend auch keine Wohnung, und in weiterer Folge natürlich kein Leben leisten. Der fromme Menschenfreund Charlie investierte also in ein Haus, in das er gemeinsam mit seinen ersten, meistens vorbestraften Schützlingen einzog, und das er gemeinsam mit ihnen restaurierte. Von dort aus begannen sie, nach Möglichkeiten zur Unterstützung für Menschen zu suchen, die ähnlich benachteiligt wurden, wie sie selbst.
Inzwischen ist die Emmaus-Gemeinde gewachsen und bietet überall auf der Welt Menschen, die durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, eine neue Möglichkeit, wieder Fuß zu fassen.
Egal, ob man nun in der Vergangenheit was ausgefressen hat, sich in psychischer Behandlung befindet, in der Schuldenfalle steckt oder einfach nur Pech hatte und deswegen auf der Straße steht - bei der Emmaus bekommt man was zu essen, Kleidung, ein Dach über'm Kopf, seelischen Beistand und Möglichkeiten zur Beratung und Betreuung auf dem Weg in eine eigenständige Zukunft.
Erhalten wird das Ganze durch Sponsoren, Zusammenarbeiten mit der Stadt, dem Arbeitsamt und einigen anderen Organisationen, vielen, vielen (Sach-)Spenden in Form von Kleidung usw., und selbstverständlich der unschätzbaren fleißigen Arbeit der Bewohner und des Personals der Häuser selbst.
Find' ich klasse. :)


Der majestätische Speisesaal, wo die hochwohldurchlauchten Siedler dieser Feste verweilen und gedenken, sich gar illustre Gaumenfreuden munden zu lassen.
... Heute gab's Spinat mit Spiegelei und Kartoffeln. Später machte der Koch noch Würstchen dazu, weil sonst gemäutert worden wäre. Gut möglich, dass wir ihn dann gegessen hätten.
FLEISCH!!!
Hier in diesem Haus sind wir 19 Leute: ein paar ehemalige Convicts, ein paar Scheidungsfälle und eine Hand voll anderer dumm gelaufene Geschichten, so wie meine.
Dabei handelt es sich aber um ein anderes Gebäude, in einem anderen Stadtteil, als das, wo ich Ende Oktober unterkam. Hier finden vorwiegend die Leute einen Platz, die bereits einen halbwegs geraden Weg eingeschlagen und eine Vorstellung davon haben, wie sie ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen können. Es wurde also schon heftig ausgefiltert. Drogen und Alkohol sind hier tabu, und gelegentliche Gespräche mit den Betreuern, in Form von kurzen Updates, passieren praktisch täglich. Vernachlässigt oder unbeachtet wird hier niemand.
Dabei finde ich es bemerkenswert, was für eine Nächstenliebe hier vom Personal tatsächlich gelebt wird. Man hat wirklich das Gefühl, dass sich um einen gekümmert wird und dass die Leute auch wirklich wollen, dass man wieder auf die Beine kommt.

Bis dahin wird nicht nur herumgesessen, sondern man bekommt neben seinen Rechten, wie wohnen, essen und schlafen, auch ein paar Pflichten in Form von Reinigungsdiensten usw. zugeteilt. Die Aufgaben im Haus werden auf die gesamte Belegschaft aufgeteilt. Hierbei wird immer darauf geachtet, dass wichtige persönliche Termine (etwa bei Gericht oder der Schuldnerberatung etc.) im Vordergrund stehen. Schließlich wird von einem verlangt, dass man sich dem eigenen Weiterkommen nicht in den Weg stellt. Soll heißen, dass man Termine einhalten muss und sich an Betreuungs-, bzw. Beratungsvereinbarungen zu halten hat.

Zeitlich hat man dabei jedoch keinen echten wirklich Stress. Nach einer "Probezeit" von 1 Monat wird man fix in die Wohngemeinschaft aufgenommen, in der man bis zu 1 Jahr bleiben kann. Danach wird's teuer, weshalb praktisch niemand die maximale Dauer von 3 Jahren ausreizt. Bis dahin kostet der Aufenthalt allerdings gerademal bis zu 20% von dem, was einem abzüglich Schuldenrückzahlungen und dergleichen netto an Geld übrig bleibt - fair. Und innerhalb eines Jahres kann sich jede Menge tun.

Mein Reich für max. 1 Jahr. Eventuell bekomme ich später mal ein Zimmer im 2. Stock, die sind ein wenig luxuriöser.
Dafür bekommt man seine "eigenen", kleinen 4 Wände, ein Bett, ein Dach drüber, Frühstück, Mittag- und Abendessen. Ich finde daran nichts zu meckern. Einziger echter Nachteil der Situation hier bei mir, ist dass die Gemeinschaftsdusche am Gang gerademal etwas über 1x1m winzig ist. Da muss man sich den Platz gut einteilen. Jede Socke, die man mitnimmt, könnte zu viel sein. XD

Wir sind eine reine Männergemeinschaft. Mitbewohnerinnen haben wir also keine - dafür gibt's extrige Frauen-WGs. Was aber nicht heißen soll, dass das Weibsvolk hier verpöhnt oder gar verboten ist. Besuch wird gern gesehen und darf, sofern eine mindestens einmonatige Beziehung besteht, sogar mit auf's Zimmer genommen werden. ... kchkchkch

Die Leute hier sind trotz einiger Vorurteile, die viele Leute sicher haben, und Geschichten, die man vielleicht hört, ganz nett. ... Oder ich hab' einfach wieder nur Glück mit der Besetzung. (Besuchte diese Woche mal kurz das "alte" Wohnheim, wo ich vorher war, und ... pfuh, die Klientel ist dort stark abgestürzt. :/ ) Und denen, mit denen man eventuell nicht so gut klarkommt, kann man ganz gut ausweichen.
Am Abend finden im derzeit behelfsmäßigen "Saftbeisl" im Aufenthalts-/Raucherraum im Keller (das echte, viel hübschere Saftbeisl, ein paar Räume weiter, erlitt einen Wasserschaden und wird momentan renoviert), oft UNO- und Würfelpoker-Turniere statt oder es wird DMAX gekuckt. Die Getränkepreise sind etwas schmalzig, man kann aber auch bequem einkaufen gehen, da wir hier am Rande der Innenstadt sind. Da ich noch immer nicht der sozialisierungsfreudigste bin, verbringe ich jedoch lieber viel Zeit im Zimmer mit Serien, Twitter oder dem Blog hier.


Soweit eine kleine Einführung aus den Innereien einer Emmaus-WG.
Es ist umso beeindruckender, wenn man sich vor Augen hält, dass von diesem Gebäude, ohne die Menschen hier, nichts so aussehen würde, wie es eben aussieht. Möglicherweise empfindet man's als nicht allzu hübsch, doch die Leute, die hier wohnen und über die Jahre im ständigen Wechsel stets ein- und ausgegangen sind, haben das alles selbst gebaut, umgebaut, verputzt, ausgemalt, gefliest und, und, und.
Ich hoffe, euch hat's ein wenig gefallen und ihr konntet ein paar halbwegs gute Einblicke erhaschen, die vielleicht sogar die eine oder andere Meinung/Vorurteile zu gemeinnützigen Organisationen wie die hier und Menschen wie mich ins positive ändern.

[NACHTRAG:
Hätte ich doch beinahe auf meinen 2.-liebsten Platz im ganzen Haus vergessen, gleich nach dem Bett.
Im ersten Stock befindet sich um die Ecke von der Küche, im hinteren Teil des Hauses, diese gemütliche kleine Ecke hier.
Ich hab' den Platz praktisch für mich allein, es sind nie Leute da. Noch dazu ist es nicht zu hell. Also kann ich hier ganz in Ruhe eine oder mehrere rauchen, wenn ich mal etwas Zeit für mich brauche, die ich nicht im Bett verbringen will.]

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